Das Sterben in körperlicher Hinsicht

Aus meiner Erfahrung als Krankenschwester kann es hilfreich sein, etwas genauer zu wissen, wie das Sterben einhergeht. Dabei finde ich immer wieder die präzise Beschreibung der acht Stadien der Auflösung im Sterben aus dem tibetischen Buddhismus sehr hilfreich.
Diese Beschreibung kann uns wie eine Landkarte durch das unbekannte Terrain des Übergangs eines Sterbenden führen und uns dienlich dabei sein, zu erkennen, was ein Sterbender braucht. Zudem kann sie Angehörigen mehr Sicherheit verschaffen und Ängste abbauen, die entstehen, wenn nicht gewusst wird, was als nächstes kommt.
An dieser Stelle möchte ich diese Landkarte nur als eine grobe Orientierung vereinfacht darstellen und beziehe mich deshalb nur auf die ersten vier Phasen.

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Die erste Phase der Auflösung beginnt, wenn sich das Element Erde in Wasser auflöst. Knochen werden brüchig, Haare fallen aus, die Zähne und die Augen werden schlechter. Oft geht diese Phase mit Kraftlosigkeit, großer Schwäche und Gleichgewichtsstörungen einher. Die Patienten haben das Gefühl der Schwere, die Empfindung des Sinkens. Mentale Störungen, wie emotionale Ausbrüche, Verwirrtheit oder Halluzinationen treten häufig auf.
Der Patient braucht in dieser Phase meistens Unterstützung beim Aufstehen und jemanden an seiner Seite, der ihm Sicherheit und Klarheit vermittelt.

In der zweiten Phase löst sich das Element Wasser im Feuer auf. Es kommt zu einem Gefühl intensiver Austrocknung – die Flüssigkeitsproduktion des Körpers, wie Lymphe, Blut, Urin, Schweiß, Speichel und Tränen gerät ins Ungleichgewicht. Die Patienten klagen oft über einen trockenen Mund und Lippen und über ein Gefühl von Hitze. Manchmal kommt es zu einem ausgeprägten Durstgefühl, manchmal lehnt der Sterbende das Trinken ab.
Es kann hilfreich sein, ihm Eiswürfel oder Bonbons anzubieten oder den Mund mit Flüssigkeiten, die er gerne mag, auszuwischen.
In dieser Phase verflüchtigen sich oft Gefühle wie Schmerz und Freude. Dann ist es in Ordnung, wenn man die Schmerzmittel reduziert.
Der Blick des Sterbenden wendet sich nun immer mehr nach innen, so dass er nur noch wenig an dem Geschehen um sich herum Anteil nimmt. Wenn Angehörige diese Phase erkennen und einzuordnen wissen, fällt es ihnen leichter, den Rückzug und die damit einhergehende Abwendung des Patienten nicht persönlich zu nehmen. Sie erkennen, dass es ein natürlicher Prozess ist.

Wenn sich das Element Feuer in Wind auflöst, dann kommt die Temperaturregelung des Körpers langsam zum Erliegen. Es kann sein, dass der Sterbende zunächst große Hitze empfindet, und dann im nächsten Augenblick große Kälte. Die Füße, Beine und Hände werden fleckig, bläulich oder blass, die Nahrungsverdauung stellt sich ein. Die Atmung verändert sich, das Einatmen wird kurz und schwach, während die Ausatmung stärker und länger wird.
In dieser Phase ist es wichtig, auf die Bedürfnisse des Patienten einzugehen – ihm eventuell eine dünne, leichte Decke zu geben oder im umgekehrten Falle Socken und Leggins anzuziehen. Es ist nicht hilfreich, ihm – so weit er es nicht will, Essen und Trinken anzubieten oder vielleicht ihn noch dazu zu überreden.
Die Augen des Sterbenden richten sich nun nach oben in Richtung des dritten Auges, zum Sitz unseres Bewusstseins. Dort konzentriert sich nun die ganze Lebensenergie.
Viele Angehörige denken in dieser Phase, dass es nicht mehr möglich sei, dem Sterbenden noch etwas mitzuteilen, da er ja keine erkennbaren Reaktionen mehr zeigt. Dennoch bin ich meinen Erfahrungen nach sehr sicher, dass der Patient das, was von Herzen kommt, „hört“ und mitbekommt. Aus diesem Grund ermutige ich alle Angehörigen, die ihrem geliebten Menschen noch etwas auf den Weg mitgeben möchten, es ihm noch zu sagen. Dafür ist es nie zu spät.


Für den Sterbenden ist es nun hilfreich, möglichst viel Ruhe und Schutzraum zu bekommen. Das normale Bewusstsein ist nun sehr getrübt und kann das „normale“ Außen nicht mehr einordnen. So ist es gut, ihn vor Aufregung und Negativität zu bewahren. Nun wird das Element Luft vom Element Raum absorbiert. Die Atmung des Sterbenden verändert sich noch einmal. Sie wird immer flacher und kann anfangen, zu rasseln. Die Atemzüge werden geringer und die Atempausen länger, bis dann der letzte Atemzug getan ist. 

In dieser Phase ist es sehr wichtig, die Angehörigen, die oft sehr besorgt reagieren, aufzufangen und ihnen zu vermitteln, dass dieses Stöhnen kein Leiden bedeutet, sondern dass es sich dabei um einen ganz natürlichen Vorgang handelt.
Wenn der Tod beim Patienten eingetreten ist, und man offen fühlend präsent ist, dann breitet sich im Raum eine friedvolle Stille aus, die auf einen selber übergreift. Ein Glanz, der vom Verstorbenen ausstrahlt, ist deutlich wahrnehmbar und auch ein Lächeln auf seinem Antlitz. Schön ist es, die Reise des Verstorbenen in Konzentration zu begleiten, vielleicht mit einem Gebet oder mit ruhigem Zureden, vorwärts zu gehen, seinen Körper loszulassen, um mit der Liebe und dem Licht zu verschmelzen, was ihn ruft. Je nach religiöser Geisteshaltung kann es auch schön sein, den Verstorbenen daran zu erinnern, seinen jeweiligen spirituellen Meister zu visualisieren.


Für die Angehörigen ist es nun auch wichtig, sich Zeit und Raum zu nehmen, sich zu verabschieden und Trauer zuzulassen.
Früher war es üblich, den Verstorbenen drei Tage lang zu Hause aufzubahren. Meiner Meinung nach war dieser Brauch bei der Trauerverarbeitung sehr unterstützend. So war es möglich, dass die Hinterbliebenen besser die nötigen Schritte zum Verstehen, dass derjenige nun wirklich seine physische Form verlassen hat, tun konnten.

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